Das
UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal
Christian
Schüler-Beigang
Das obere Mittelrheintal, touristisch als Tal der Loreley beworben, hat im
Juni 2002 den Sprung auf die Liste des UNESCO-Welterbes geschafft. Damit ist
eines der wohl längsten Antragsprojekte für die Aufnahme einer Stätte in das
Verzeichnis der bedeutendsten Kultur- und Naturstätten der Welt erfolgreich zum
Abschluss gebracht worden.
Denn schon auf der ersten Sitzung des Welterbekommitees, 1977 in Paris, hatte
der damalige Landeskonservator von Rheinland-Pfalz das Mittelrheintal für
dieses Verzeichnis vorgeschlagen. Andere Stätten hatten damals jedoch Vorrang
und so musste man sich gedulden und die erste Vorschlagsliste der Bundesrepublik
Deutschland abwarten.
Die nationalen Vorschlagslisten regeln in jedem Vertragsstaat, der die 1972
verabschiedete Welterbe-Konvention unterzeichnet hat, den Zugang zur Liste des
Welterbes. 1984 lag die erste Vorschlagsliste der Bundesrepublik Deutschland vor
und das Mittelrheintal war hierin erwartungsgemäß verzeichnet. Als nach der
Wiedervereinigung Deutschlands die Vorschlagsliste überarbeitet und eine erste
gesamtdeutsche Liste verabschiedet werden musste, war der Mittelrhein dort
zugunsten von Stätten in den neuen Bundesländern nicht mehr vertreten. Erst
mit der zweiten gesamtdeutschen Vorschlagsliste von 1998 kam es wieder zu einer
Nominierung, bei der das Mittelrheintal zwischen Bingen und Koblenz auf Platz 6
von insgesamt 21 Vorschlägen gesetzt wurde. Aufgrund dieser Platzierung stand
die Abgabe der Antragsunterlagen für den Juli 2001 an. Auf seiner Sitzung Ende
November 2000 in Cairns (Australien) beschloss das Welterbekommitee allerdings
zur Durchsetzung einer ausgewogeneren Welterbeliste neue Regularien für das
Anerkennungsverfahren. Es wurde eine Übergangsfrist bis zum Ende des Jahres gewährt.
Da ein Verstreichenlassen dieser Übergangsfrist für die Beantragung des
Mittelrheintals neben einer nicht kalkulierbaren zeitlichen Verschiebung vor
allem das Wirksamwerden von weiter eingeschränkten Zugangsmöglichkeiten
bedeutet hätte, wurde die Fertigstellung der Antragsunterlagen erheblich
beschleunigt. Die offizielle Übergabe der Antragsunterlagen im Welterbezentrum
in Paris konnte so noch glücklich am letzten Arbeitstag des Jahres erreicht
werden.
Im September 2001 erfolgte die Begutachtung des Mittelrheintals zwischen Bingen,
Rüdesheim und Koblenz durch den Niederländer Robert de Jong, einem führenden
Mitglied von ICOMOS (International Council on Monuments and Sites). Dieses
Gremium nimmt für das Welterbekommitee die Bewertung der Nominierungen aus dem
kulturellen Bereich vor. Ende Januar 2002 lag das Abschlussgutachten von ICOMOS
vor, welches das Fehlen einer zentralen Koordinierungsstelle bemängelte und die
Zurückstellung des Antrags vorschlug. Mit der Einrichtung des Sekretariats für
die Welterbestätten beim Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz wurde zum
1. April eine solche Stelle geschaffen. Sie war im eingereichten Managementplan
zwar schon vorgesehen, aber noch nicht praktisch umgesetzt. Auf der Sitzung des
Welterbebüros im April, die die Sitzung des Welterbekommitees im Juni
vorbereitete, fand die Nominierung des Mittelrheintals allgemeine Zustimmung.
Am 27. Juni 2002 kam es dann auf der 26. Sitzung des Welterbekommitees, welche
in diesem Jahr in Budapest abgehalten wurde, zur Eintragung in die Liste des
Welterbes.
Dies
hätte um ein Haar die Eintragung auf die Liste verhindert, hatte doch das
Fehlen einer solchen Koordinierungsstelle unmittelbar zuvor zur Ablehnung einer
Nominierung aus Polen geführt. Am Ende einer teilweise heftig geführten
Diskussion um die Anerkennung des Mittelrheintals hatte der Autor dieses
Artikels Gelegenheit, das Missverständnis auszuräumen.
Mit der Existenz des Sekretariats für die Welterbestätten in Rheinland-Pfalz,
welches für das Mittelrheintal die Aufgabe einer Koordinierungsstelle auf
Landesebene übernommen hat, konnte überzeugend dargelegt werden, dass eine
zentrale Koordinierungsstelle vorhanden ist, der mit der "Raumanalyse
Mittelrheintal" ein Managementplan zur Verfügung steht. Darüber hinaus
wurde darauf verwiesen, dass sich die Kommunen über eine
"Rheintal-Charta" zum nachhaltigen Umgang mit der nominierten
Welterbestätte verpflichtet haben. Die ernsthafte Absicht der beiden
Landesregierungen von Hessen und Rheinland-Pfalz sowie der beteiligten Kommunen,
diese Region verantwortungsbewusst in die Zukunft zu führen, wurde schließlich
von den Delegierten akzeptiert und die Eintragung auf die Liste beschlossen.
Das Welterbekommitee der UNESCO würdigte das Obere Mittelrheintal als
"eine Kulturlandschaft von großer Vielfalt und Schönheit". Die
Landschaft weise einen außergewöhnlichen Reichtum an kulturellen Zeugnissen
und Assoziationen historischer wie auch künstlerischer Art auf. Seine besondere
Erscheinung verdanke es einerseits der natürlichen Ausformung der
Flusslandschaft, andererseits der Gestaltung durch den Menschen. Darüber hinaus
wurde auch die Bedeutung des Rheins gewürdigt, der seit zwei Jahrtausenden
einen der wichtigsten Verkehrswege für den kulturellen Austausch zwischen der
Mittelmeerregion und dem Norden Europas darstellt. Als prominentester Abschnitt
dieses Flusslaufs konnte daher das Mittelrheintal zwischen Bingen, Rüdesheim
und Koblenz Einzug in die Liste halten.
Nach den eigens von der UNESCO entwickelten Kriterien wurde das Obere
Mittelrheintal als eine fortbestehende Kulturlandschaft nominiert und auf der
Liste eingetragen. Kulturlandschaften sind erst seit 1992 als eigene Kategorie
vertreten. Sie werden unterschieden nach Gärten und Parklandschaften (also
durch den Menschen aus ästhetischen Gründen bewusst angelegten Landschaften,
nach natürlich entstandenen Landschaften, die entweder nur noch in ihren Denkmälern
vorhanden sind oder noch immer fortbestehen und sich weiter fortentwickeln, und
nach sogenannten assoziativen Landschaften, welche starke religiöse, künstlerische
oder kulturelle Verbindungen zu den mehr natürlichen Elementen der Landschaft
besitzen. Eine fortbestehende Kulturlandschaft im Verständnis der
Welterbe-Konvention ist eine organisch, durch Anpassung an die natürliche
Umgebung entstandene Landschaft, welche den Prozess ihrer Entwicklung in ihrer
Form und der sie bildenden Elemente überliefert.
Obwohl die fortbestehende Kulturlandschaft im Idealfall dem traditionellen
Lebensstil weiter eng verbunden bleibt, ist sie dennoch aktiver Teil der
heutigen Gesellschaft. Ihre Entwicklung wird also als noch nicht abgeschlossen
angesehen und soll sich auch weiter fortsetzen können. Die eindeutigen
materiellen Zeugnisse, die die historische Entwicklung der Kulturlandschaft überliefern,
dürfen aber durch diese Weiterentwicklung nicht gefährdet werden. Vergleicht
man das Obere Mittelrheintal mit anderen bedeutenden europäischen
Flusslandschaften, deren Bedeutung durch Anerkennung als UNESCO-Welterbestätte
erwiesen ist, so zeigen sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede.
Vom Tal der Loire hat der Abschnitt zwischen Sully und Chalonnes diese
Anerkennung errungen, vom Donautal die Wachau. In beiden Fällen stehen
kulturgeschichtliche Kriterien im Vordergrund (Burgen, Schlösser, historische
Städte). Bei der Loire kommt hinzu, dass sie der größte Strom Europas ist,
welcher von Regulierungen weitgehend frei geblieben ist. Zu Gunsten der Wachau
spricht, dass der traditionelle Weinbau unverändert großflächig gepflegt
wird. Bei keinem von beiden aber haben erdgeschichtliche Prozesse, Hebungen und
Senkungen und die Arbeit des Flusses zu einer Landschaft von so starkem Relief,
solcher Vielfalt an Naturräumen und solchem Erlebnisreichtum geführt. Keine
liegt so im Zentrum des Kontinents wie der Rhein, verbindet über so weite
Strecken hinweg die Länder Europas miteinander. Was die Zahl der Burgen und
Schlösser betrifft, so wird das Rheintal zweifellos vom Tal der Loire übertroffen,
doch verteilen sich dort die Baudenkmäler auf eine drei Mal so lange Strecke.
Der Höhepunkt der Bautätigkeit lag im Loiretal im 15. und 16. Jahrhundert, im
Rheintal dagegen im hohen und späten Mittelalter. Als Verkehrsweg spielt die
Loire, verglichen mit dem Rhein, eine untergeordnete Rolle. Der Weinbau nimmt in
der Wachau größere Flächen ein als am Rhein, es fehlt aber, was ihn am Rhein
auszeichnet, nämlich die Steillagen. Außerdem ist das Obere Mittelrheintal die
älteste heute noch erhaltene Kulturlandschaft mit Steil- und
Steilstlagenweinbau in Europa.
Schließlich
gehen weder an der Loire noch in der Wachau die Hervorbringungen der Natur und
die Werke von Menschenhand eine so innige, unauflösliche Verbindung miteinander
ein wie am Rhein.
Die Kulturlandschaft des Oberen Mittelrheintals zwischen Bingen, Rüdesheim und
Koblenz ist der südliche, rund 65 km lange Abschnitt des Mittelrheingebiets,
definiert als das Durchbruchstal des Rheins durch das Rheinische
Schiefergebirge. Im Herzen unseres Kontinents gelegen, mal Grenze, mal Brücke
der Kulturen, spiegelt es die Geschichte des Abendlandes exemplarisch wieder.
Hochrangige Baudenkmäler haben sich hier in einer Fülle und Dichte erhalten,
die in keiner anderen europäischen Kulturlandschaft wieder zu finden ist. Mit
seinen steilen, bis heute teilweise rebenbesetzten Talhängen, den auf äußerst
schmalen Uferleisten oder in der Einmündung von Seitentälern zusammengedrängten
Siedlungen sowie den wie Perlen entlang einer Schnur aufgereihten Höhenburgen
auf den Felsvorsprüngen der Mittelterrasse gilt das Tal als Inbegriff der
romantischen Rheinlandschaft. Reisende aus fast allen Erdteilen und Ländern
haben sie zum Ziel gewählt; Literaten, Maler und Musiker haben sie zum Thema
ihrer Arbeit gemacht.
Tief eingeschnitten, im Windschatten des Hunsrücks gelegen bildet es zugleich
einen klimatischen Gunstraum. Hier fanden auch Tiere und Pflanzen einen
Lebensraum, deren Hauptverbreitungsgebiete der Mittelmeerraum und der Südosten
Europas sind. Über Jahrhunderte entwickelte sich hier eine Landschaft, die wie
keine andere von der Wechselwirkung von Mensch und Natur, von Kulturleistungen
und ihren Voraussetzungen wie Rückwirkungen zeugt. Der als Welterbe-Gebiet
anerkannte Teil der Kulturlandschaft deckt sich größtenteils mit der naturräumlichen
Einheit "Obe-res Mittelrheintal" von der Binger Pforte, dem Eintritt
des Stroms in das tief eingeschnittene, von steilen Flanken begrenzte
Rhein-Engtal, bis zur Lahnsteiner Pforte, dem Ausgang zur Neuwieder Talweitung,
Bestandteil des Naturraums sind auch die angrenzenden Flächen der Mittel- und
Hochterrassen (Obertal) als Zeugen urzeitlicher Flussläufe. Diese Flächen
stehen in engen strukturellen und funktionalen Beziehungen mit dem Engtal ebenso
wie die steilen Kerbtäler der in den Rhein mün-denden Bäche. Nicht Teil des
Naturraums, jedoch nördlicher Teil der Welterbestätte ist das Stadtgebiet von
Koblenz. Trotz der weitgehenden Zerstörung der historischen Bausubstanz während
des Zweiten Weltkriegs und der starken Zersiedelung seines Raums wurde es wegen
seiner großen historischen Bedeutung für das Mittelrheintal und einer Reihe
herausragender Baudenkmäler in die Gebirgskulisse integriert. Das Welterbe hat
eine Fläche von rund 620 Quadratkilometern, wovon die Kernzone rund 273
Quadratkilometer einnimmt. Im Welterbegebiet liegen 60 Städte und Gemeinden
bzw. Stadt- und Gemeindeteile, in denen ca. 170.000 Menschen leben. Die beiden
Bundesländer Rheinland-Pfalz und Hessen sind an der Welterbestätte gemeinsam
beteiligt; Rheinland-Pfalz mit Teilen der kreisfreien Stadt Koblenz und Teilen
der Landkreise Mainz-Bingen, Mayen-Koblenz, des Rhein-Hunsrück-Kreises und des
Rhein-Lahn-Kreises.
Aus Hessen ist ein Teil des Rheingau-Taunus-Kreises vertreten. Das oben bereits
erwähnte Sekretariat für die Welterbestätten in Rheinland-Pfalz ist die
Verbindungsstelle zwischen der rheinland-pfälzischen und hessischen
Landesregierung und der UNESCO. Eine seiner zentralen Aufgaben ist die
Koordinierung der Aktivitäten im Welterbegebiet Oberes Mittelrheintal im Sinne
der UNESCO Richtlinien. Ganz generell gibt es für das Sekretariat folgende
Aufgabenstellung: Es erfüllt die Monitoring-Aufgaben des Landes, insbesondere
die Erstellung der aktuellen und der Regelberichte an die UNESCO für alle in
Rheinland-Pfalz befindlichen Welterbestätten; es begleitet Planungsprozesse;
Fehlentwicklungen sollen von ihm nach Möglichkeit rechtzeitig erkannt und
Entscheidungsprozesse begleitet und gelenkt werden; das Sekretariat soll die
Beteiligung, insbesondere der Landesplanung, der Denkmalpflege und des
Landschaft- und Naturschutzes, sicherstellen; es soll Projekte anregen und fördern,
Öffentlichkeitsarbeit leisten und als Clearingstelle für die Nutzung des
Welterbe-Logos dienen; ihm obliegt die Beobachtung und gegebenenfalls Anregung
von Forschungsarbeiten zu den Welterbestätten; ferner soll es die
Auslandsbeziehungen der einzelnen rheinland-pfälzischen Welterbestätten
unterstützen sowie mit den zuständigen Stellen für die anderen deutschen
Welterbestätten zusammenarbeiten.
Als Koordinierungsstelle für das Welterbe Mittelrheintal fallen dem Sekretariat
darüber hinaus folgende Aufgaben zu: Koordinierung der Aktivitäten der Landes-
und kommunalen Dienststellen im Welterbegebiet; Funktion einer Meldestelle für
die in die Kulturlandschaft Oberes Mittelrheintal eingreifenden Großprojekte
sowie Projekte von exemplarischer Bedeutung; Kontaktstelle auf der Arbeitsebene
für die UNESCO und ICOMOS.
Zur
erfolgreichen Umsetzung des Managementplans für das Obere Mittelrheintal
arbeitet das Sekretariat eng mit der Inter-ministeriellen Projektgruppe
"Projektmanagement Mittelrheintal" im Ministerium des Innern und für
Sport und dem Forum Mittelrheintal e.V. zusammen.
Als offizielle Einrichtung der Landesregierung für das rheinland-pfälzische
Welterbe untersteht es seit September 2002 fachlich dem Regierungsbeauftragten für
das Welterbe, Staatssekretär Roland Härtel im Ministerium für Wissenschaft,
Weiterbildung, Forschung und Kultur. Nach der Anerkennung als Welterbestätte
der UNESCO müssen die Sicherung des Landschaftsbildes, der Erhalt der
zahlreichen Kulturdenkmäler und der Schutz der Natur in Einklang gebracht
werden mit der für die Menschen im Tal wesentlichen Fortentwicklung der
verschiedenen Wirtschaftsbereiche.
Die Umsetzung des für die nachhaltige Entwicklung der Regi-on erarbeiteten
Managementplans steht dabei ebenso auf der Tagesordnung wie die Schaffung einer
neuen Organisationsform für die Zusammenarbeit zwischen den Kommunen. Zur
Begleitung und Kontrolle der künftigen Entwicklung wird ein
Kulturlandschafts-Kataster eingerichtet, das auch dazu dient, die für die künftige
Berichterstattung an die UNESCO wichtigen Daten vorzuhalten. Neben einer noch zu
erarbeitenden, als Leitfaden für künftige Neubaumaßnahmen zu nutzenden
Baufibel ist auch die weitere wissenschaftliche Bearbeitung der Kulturdenkmäler
in diesem Raum eine wichtige Zukunftsaufgabe.
Ebenfalls hohe Priorität hat der Ausbau der touristischen Angebote, verbunden
mit der Neuorientierung, die die Anerkennung als Welterbestätte ebenso nutzt
wie ihr Rechnung trägt. Unerlässlich dafür ist unter anderem auch die
Reduzierung des Eisenbahnlärms, der in den letzten Jahren erheblich zugenommen
hat und im Gutachten von ICOMOS zu Recht thematisiert wurde. Durch einen noch zu
vertiefenden Gedanken- und Erfahrungsaustausch mit anderen europäischen
Kulturlandschaften soll zum gegenseitigen Nutzen aller Beteiligten eine
erfolgreiche internationale Kooperation, wie von der UNESCO mit ihrem
Welterbe-Programm auch verfolgt, initiiert werden.
Die Region erfolgreich weiterzuentwickeln und darüber nicht die Qualitäten zu
verlieren, welche zur Eintragung auf die Liste der Welterbestätten geführt
haben, das ist die große Herausforderung, der sich das Mittelrheintal und alle
Verantwortlichen nun stellen müssen.